Gedanken eines Angehörigen
Warum glaubt man als Angehöriger, man könnte dem Betroffenen helfen?
Als ich noch Kind war habe ich es nicht so mitbekommen. Aber ich hatte schon immer Ekel vor dem Biergeruch.
Als ich dann Teenager wurde ist es mir immer mehr aufgefallen, dass an dem Trinkverhalten meiner Mutter was nicht stimmte. Sie kaufte jeden Tag eine Flasche Korn.
Die stellte sie in die Küche und ihr Glas daneben. Sie trank zuhause nur Bier, so dass es jeder sehen konnte. Den Korn trank sie immer in der Küche, wenn sie dachte, es sieht keiner. Wenn ich sie darauf ansprach kam immer der Spruch, das ginge mich nichts an und mir würde es doch an nichts fehlen.
Und mit niemandem konnte ich so richtig darüber reden.
Als ich älter wurde, da wurde ich darauf angesprochen, ob meine Mutter ein Alkohol-Problem hätte. Ich sagte ja.
Als meine Mutter das mitbekam, sagte sie zu mir, ich als Tochter hätte nicht das Recht zu sagen, meine Mutter wäre Alkoholikerin.
Viele, die das mitbekamen, gaben meiner Mutter recht. Aber nicht alle.
Mir ist so aufgefallen, ab dem Moment, als ich ein Auto hatte, war ich für meine Mutter interessant. Sie kam dann öfters an: Lass uns doch mal da und da hinfahren.
Meistens war es zu ihrer Schwester, weil sie da wusste, die geht gerne in die Kneipe.
Und ich bin gefahren und dachte immer, ich könnte es kontrollieren, indem ich bestimmte, wann wir nach Hause fahren. Aber das war immer ein Irrtum meinerseits.
Wir hatten dann immer heftige Diskussionen und alle aus der Kneipe mischten sich ein und waren auf ihrer Seite.
Wenn ich so darüber nachdenke: Warum habe ich mir das immer und immer wieder angetan? Aus Angst, die Zuneigung meiner Mutter ganz zu verlieren, glaube ich.
In den Situationen, als meine Mutter was von mir wollte, war sie die liebende Mutter, die ich immer haben wollte.
Wenn wir irgendwo zu Besuch waren (z. B. bei meiner Schwester), versuchte ich manchmal, den Gastgeber zu bitten, meiner Mutter doch wenigstens nur Bier zu geben, wenn es unbedingt Alkohol sein müsste. Aber die sind mir dann meistens in den Rücken gefallen und haben es ihr direkt erzählt, was ich von ihnen wollte, oder haben ihr noch mehr Schnaps angeboten. Weil es ja nicht stimmen würde, was ich sagte:
"Meine Mutter ist Alkoholikerin.“
Ich wollte doch meiner Mutter nur helfen, wusste aber nicht wie.
Sie hat auch nie zugegeben, dass sie Alkoholikerin ist, bis auf einmal, aber kurz danach hat sie das wieder zurück genommen. Auch heute sieht sie es nicht ein.
Früher hat sie immer Alkoholpausen gemacht, um mir und anderen zu beweisen, dass sie den Alkohol nicht braucht. Aber manchmal, wenn sie alleine war, hat sie auch anderen Schnaps getrunken, den sie eigentlich nicht mag, nur weil nichts anderes da war.
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